Zeitungsartikel vom 02.10.2006 "Die Welt"

Aus einer anderen Zeit herangerollt

Hamburgs Heinkelianer schwören auf den legendären Roller - und treffen sich regelmäßig zur Leistungsschau.

In der Gaststube des Hamburger Vereinslokals "Am Sportplatzring" sitzen ein Dutzend Männer und zwei Frauen gemütlich beim Klönschnack.

Im Hintergrund läuft ein Fernseher mit einem spannenden Krimi. Doch kaum einer schaut hin. Denn an dem langen Tisch gibt es ein viel wichtigeres Thema.

Das ist der schon legendäre Heinkel-Roller der 1950er- und 60er-Jahre. "Wir Heinkelianer haben eben einen Haschmich", sagt Vereinsmitglied Rudolf Geringhoff. Und erklärt: "Der HCD, der Heinkel-Club Deutschland mit Mitgliedern auch in Österreich, den Niederlanden, Schweden und der Schweiz ist einer der größten markenbezogenen Klubs in Deutschland. Wir sind mehr als 4000 Leute aller Altersgruppen." Deutsche Regionalklubs gibt es von Flensburg bis runter ins Allgäu. In Hamburg sind 55 Mitglieder verzeichnet, davon 30 mit eigenem Roller.

An jedem zweiten Freitag im Monat trifft man sich, tauscht Erfahrungen aus oder schwärmt einfach nur vom Heinkel-Fahrgefühl. Geringhoff: "Wie soll ich es beschreiben? Es ist einfach toll. Heinkel-Roller fahren ist mit Motorrad fahren überhaupt nicht zu vergleichen. Man riecht jeden Busch, man schwebt wie ein Vogel durch die Gegend. Das ist wie fliegen!"

Beachtet werden die Heinkel-Fahrer spätestens, wenn sie irgendwo anhalten. "Dann bleibt immer jemand stehen, meist älteren Jahrgangs, und sagt etwas wehmütig: So ein Fahrzeug habe ich auch gefahren, damals ..." Damals, das war in den ersten Jahren des beginnenden deutschen Wirtschaftswunders. Flugzeuge durften die Heinkel-Werke nach Kriegsende nicht mehr bauen. Professor Ernst Heinkel, Konstrukteur weltberühmter Flugzeuge, verlegte sich deshalb ab 1953 auf die Produktion von Motorrollern und Kleinstfahrzeugen. Sie gaben den Deutschen die ersehnte Mobilität, läuteten aber auch den zeitweiligen Niedergang der Fahrradindustrie ein. Der Stückpreis eines Rollers lag unter 2000 DM, die Leistung unter zehn PS. Aber bei einem Verbrauch von weniger als drei Litern schafften die Roller immerhin 80 Kilometer pro Stunde. Das genügte für Wochenendfahrten von Hamburg an die Ostsee oder in die Heide.

Grundmodell war der Heinkel Tourist, ein Viertakter mit anfangs 149 ccm, dann mit 173 ccm. Vom Endmodell 103 A 2 wurden von 1960 bis 1965 etwa 55 000 Stück gebaut und verkauft. 1956 brachte Heinkel dann auch eine Art Mikroauto heraus, einen dreirädrigen Kabinenroller mit zehn PS, der etwa 1000 DM kostete. Obwohl inklusive des Folgemodells bis Juni 1958 nur insgesamt 5537 Stück gebaut wurden, rollen davon immer noch einige bei besonderen Gelegenheiten auch in Deutschland, drei davon auch in Hamburg.

Doch dann endete der Siegeszug der Heinkel-Roller. Die Deutschen verdienten mehr, wünschten sich größere Fahrzeuge, mit mehr Laderaum und höherer Leistung. Die Produktion lief aus, im Jahr 1964 machte das Rollerwerk dicht. Aus vorhandenen Teilen des Lagerbestands wurden 1965 und 1966 noch einige Exemplare gebaut. Dann war Schluss. "Hier in Hamburg gab es noch den Heinkel-Vertragshändler Meller", sagt Heinkel-Fan Christoph Freyer. "Als Meller im Jahr 1982 starb, war das zugleich die Geburtsstunde des Heinkel Clubs Deutschland." 208 Heinkel-Fahrer, die schon seit 1977 über Informationsbriefe miteinander Kontakt hatten, kauften Mellers gesamtes Ersatzteillager auf. Für die 2300 verschiedenen Ersatzteilpositionen (Gesamtgewicht 20 Tonnen) zahlten sie gemeinsam 60 000 DM. Freyer: "Was davon noch da ist, liegt heute in unserem Klublager in Lauffen bei Heilbronn. Dort bekommen wir 90 Prozent aller Teile, die wir brauchen innerhalb von wenigen Tagen." Vom Erlös wird das, was nicht mehr vorrätig ist, zur Fertigung nach Taiwan oder Tschechien in Auftrag gegeben - als Handarbeit. Das Klubvermögen - darin sind die Lagergebäude und Ersatzteile eingeschlossen - beträgt stolze 750 000 Euro.

Damit lässt sich einiges restaurieren. Ein gut erhaltener Roller bringt es heute beim Verkauf auf 3000 Euro, für 5000 Euro muss er aber schon tip-top in Schuss sein. Das entspricht etwa dem Doppelten bis Dreifachen des Neupreises. Doch die Zweiräder scheinen unverwüstlich zu sein. Ihre meist gleichaltrigen oder auch älteren Besitzer fahren damit durch Schottland oder über die Alpen, der Hamburger Stefan Töth rollerte gar bis zum Nordkap und zurück. Und zum diesjährigen internationalen Heinkel-Treffen rollerten 21 Mitglieder des Hamburger Regionalklubs nach Berlin. Da die Hamburger Delegation mit 21 Fahrzeugen am stärksten vertreten war, durfte sie den Wanderpokal des HCD für mindestens ein Jahr mit nach Hause nehmen. Im Schnitt kommen bei einem solchen Treffen bis zu 400 Roller zusammen.

Ältestes Mitglied des Heinkel-Clubs Hamburg ist Hermann Kenicke. Er wird im kommenden Februar 80 Jahre alt - und fährt seit 1965 ununterbrochen einen Heinkel Tourist. Es ist sein dritter. Die beiden anderen hat er durch Fremdverschulden verloren. Aber ein anderes Fahrzeug als einen Heinkel-Roller wollte er nie besitzen.

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