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Wichtig war allein das Wachstum - In der Nachkriegszeit

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In der Nachkriegszeit hat Ernst Heinkel schnell wieder hohes Ansehen gewonnen. Sein Freispruch vor der Spruchkammer hat damals aber auch Empörung ausgelöst. Wie lässt sich sein dennoch rascher Aufstieg nach dem Krieg erklären?
Ernst Heinkel versuchte sich nach 1945 zum Gegner des Nationalsozialismus zu stilisieren. Er engagierte den Autor Jürgen Thorwald, der die beschönigende Autobiografie „Stürmisches Leben“ für ihn verfasste. Darin stellte sich Heinkel als Opfer des Nationalsozialismus dar, indem er Angriffe, die sich fälschlicherweise gegen ihn als vermeintlichen Juden richteten, weit in den Vordergrund schob. Tatsächlich ist die Autobiografie eine Rechtfertigungsschrift, die nicht von leichter Hand niedergeschrieben, sondern schlau durchkonstruiert ist. Das Buch wurde ein Bestseller und diente Heinkel dazu, die durchaus vorhandene Kritik und die Ansprüche seiner Opfer wegzudrücken. Ein ehema¬liger KZ-Häftling wie Edmund Barthel, der  im Heinkel-KZ-Werk in Oranienburg schuften musste, hatte da mit seinen Ansprüchen auf Wiedergutmachung keine Chance. Es war aber auch nicht ungewöhnlich, dass jemand, der so hoch belastet war wie Heinkel, von der Spruchkammer als nicht belastet eingestuft wurde.
Im Rems-Murr-Kreis tragen noch einige Straßen und sogar eine Schule Ernst Heinkels Namen. Was halten Sie davon?
Normalerweise antworte ich auf diese Frage, dass ich Historiker bin und dazu nichts sagen kann. Historiker sind weder Staatsanwälte noch Richter. Aber man sollte sich wirklich Gedanken darüber machen, ob man eine Straße nach Heinkel benennt. Er war durch seine Werke in Mielec und Budzyn mittelbar an der Ermordung der polnischen Juden beteiligt, dem schlimmsten Verbrechen, das Deutschen zur Last gelegt wird. Man kann Geschichte nicht verleugnen, und man kann nicht leugnen, dass Heinkel in Grunbach geboren worden ist. Aber wenn eine Straße nach ihm benannt ist, dann nur in kommentierter Form. Die Stadt Rostock, in der es eine volkstümlich nach Heinkel benannte Siedlung gibt, hat große Informationstafeln aufgestellt. Eine Schule sollte nicht nach Heinkel benannt werden. Eine Schule will ja ihren Schülern sittliche Werte vermitteln und eine Perspektive für moralisches Handeln bieten. Dafür eignet sich Heinkel nicht.
Was würden Sie der Kommune Remshalden raten – wie soll sie sich zu Ernst Heinkel positionieren?
Soweit ich informiert bin, gibt es in Remshalden ein Museum, dessen Ausstellung die Geschichte Heinkels auch in der Zeit des Nationalsozialismus offen und öffentlichkeitswirksam aufarbeitet. Das ist der beste Weg, eine produktive Auseinandersetzung mit diesem Sohn der Gemeinde voranzubringen.
Fachmann
Der Wirtschafts-, Unternehmens- und Technikhistoriker Lutz Budraß arbeitet am Historischen Institut der Ruhr-Universität Bochum und forscht über die Geschichte der Flugzeugindustrie und Luftrüstung in Deutschland. Er war Mitglied der Expertenkommission „Technik und Verantwortung“ der Stadt Rostock, welche Empfehlungen zur Aufarbeitung der Geschichte der Flugzeugindustrie und der Rolle des Unternehmers Ernst Heinkel während des Nationalsozialismus erarbeitet hat.

Quelle: Stuttgarter Zeitung

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